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Die Versicherungsmärkte in Schwellenländern bieten enormes Potenzial. Doch Versicherer, die neue Märkte erschließen wollen, brauchen mehr als maßgeschneiderte Produkte: Sie müssen die Menschen erst erreichen. Denn ohne Zugang zu den Menschen gibt es keinen Zugang zum Markt.
Weltweit entfallen mehr als die Hälfte der Versicherungs-Prämieneinnahmen auf Europa und Nordamerika, obwohl dort weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung leben. Vielerorts besteht also noch eine deutliche Absicherungslücke – und damit ein großer Spielraum für Entwicklung. Wer heute in Lateinamerika, Teilen Asiens oder Nordafrika die richtigen Grundlagen legt, erschließt Zukunftsmärkte mit großem Potenzial.
Aber was braucht es dafür? Viele Versicherungsanbieter entwickeln bedarfsorientierte Produkte. Das ist zwar ein wichtiger Baustein – doch das allein reicht nicht. Größer sind die Erfolgschancen, wenn die Branche früher ansetzt: Menschen in Schwellenländern schließen erst dann eine Versicherung ab, wenn Finanzdienstleistungen Teil ihres Alltags werden. Dazu braucht es vor allem einen breiten Zugang zu Finanzdienstleistungen, mehr Aufklärung über den Wert von Versicherungsschutz und verlässliches Vertrauen in die Institutionen. Versicherer vor Ort können diese Entwicklung aktiv mitgestalten. Das gelingt, wenn sie den Dialog mit der Politik suchen, sich für einen stabilen regulatorischen Rahmen einsetzen, mit Banken und Mikrofinanzinstituten kooperieren und deren Professionalisierung fördern. Auf dieser Basis entstehen Schritt für Schritt neue Wachstumsmärkte für Versicherungen.
Tarik Aouad, Bereichsleiter der International Growth Markets Division bei der Deutschen Rück, verfolgt einen globalen Ansatz: „Wir unterstützen unsere Kunden in internationalen Wachstumsmärkten und wollen die Erfahrungen aus unterschiedlichen Regionen zusammenführen. Was in einem Markt bereits etabliert ist, kann in einem anderen Markt wertvolle Impulse geben. In Verbindung mit lokaler Expertise, diszipliniertem Underwriting und langfristigen Partnerschaften entsteht daraus nachhaltiger Mehrwert – für unsere Kunden ebenso wie für die Deutsche Rück.“

Quelle: The Global Findex Database, 2025
Tarik Aouad, Bereichsleiter der International Growth Markets Division bei der Deutschen Rück

Bangkok, Thailand: Ein Mann kauft Obst an einem Straßenstand.
Die Ausgangsbedingungen in den einzelnen Regionen sind unterschiedlich. In vielen Teilen Asiens wachsen die Finanz- und Versicherungsmärkte aktuell besonders dynamisch. Digitale Tools zur Personenidentifizierung und mobile Zahlungssysteme haben dort bereits Millionen Menschen erstmals den Zugang zu Finanzdiensten eröffnet. „Viele asiatische Länder haben den großen Vorteil, dass sie ihre Versicherungsmärkte von Beginn an auf einer digitalen Grundlage aufbauen können“, erklärt Aouad. „Digitale Identitätsnachweise, mobile Bezahlsysteme und datenbasiertes Underwriting steigern nicht nur die Effizienz, sondern machen Versicherungen auch für Millionen von Menschen zugänglicher und bezahlbarer.“ Gerade jüngere Bevölkerungsgruppen setzen digitale Angebote inzwischen als Standard voraus.
Auch in Lateinamerika verändert sich der Markt spürbar. Die internationale Beratungsgesellschaft McKinsey stufte Lateinamerika im Jahr 2025 sogar als die am schnellsten wachsende und profitabelste Versicherungsregion der Welt ein. Besonders Brasilien, Mexiko, Chile und Kolumbien gelten als Vorreiter. Das stärkste Wachstum verzeichnen derzeit die Sparten der Schadenversicherung, insbesondere im Bereich Sach- und Unfallversicherung. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Krankenversicherungen, angetrieben von einer wachsenden Mittelschicht. Viele Verbraucher entdecken Versicherungen erstmals als Teil ihres finanziellen Alltags.
Doch bevor Menschen eine Police abschließen können, müssen bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden. „In Lateinamerika benötigen Menschen vor allem ein stärkeres Bewusstsein für die Vorteile von Absicherung, klare Regeln und tiefgreifendes Vertrauen“, betont Dr. Mariana Vilmondes, designierte Marktleiterin für Lateinamerika in der International Growth Markets Division bei der Deutschen Rück. Erst dann bilden sich allmählich neue Kundengruppen und stabile Marktstrukturen.

Mit 21,2 Millionen Menschen ist Sao Paulo eine der bevölkerungsreichsten Metropolen weltweit.
Die Versicherungswirtschaft in Nordafrika befindet sich ebenfalls auf einem stetigen Wachstumspfad. Eine Schlüsselrolle nimmt Marokko ein, erklärt Laurent Beauregard, Market Head für Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Maghreb bei der Deutsche-Rück-Tochter DR Swiss: „Das Land positioniert sich mit seinem modernen Finanzzentrum Casablanca Finance City als Finanzdrehscheibe Afrikas und öffnet sich zunehmend für internationale Investoren.“

Moderne Unterkunfts- und Bürogebäude in Finance City im Stadtteil Anfa Park in Casablanca, Marokko
Allerdings prägen kulturelle Werte in Nordafrika den Markt stärker als anderswo. „Muslime stehen Lebensversicherungen oft skeptisch gegenüber, weil sie diese als Wette auf das Leben betrachten, die nicht mit ihrem Glauben vereinbar ist“, erklärt Beauregard. Doch die Einstellung wandelt sich: „Nach und nach erkennen Menschen den Vorteil von Lebensversicherungen mit Sparanteil – sie können sparen und gleichzeitig ihre Familie im Todesfall absichern.“
Unabhängig davon, wie weit die einzelnen Märkte sind, gilt: Ein Bankkonto, finanzielles Basiswissen und regulatorische Glaubwürdigkeit bilden wichtige Voraussetzungen, um das Versicherungsgeschäft weiterzuentwickeln. Erst mit dieser Basis haben individuell auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnittene Versicherungslösungen gute Chancen.
Laurent Beauregard, Market Head für Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Maghreb bei der DR Swiss
Laut einer im Jahr 2025 veröffentlichten Erhebung der Weltbank besitzen inzwischen weltweit 79 Prozent der Erwachsenen ein Konto bei einer Bank oder einem Anbieter mobiler Bezahlsysteme – 2011 waren es erst 51 Prozent. Doch die Unterschiede zwischen den Regionen sind groß. In Europa nutzen fast alle Erwachsenen Bankdienstleistungen. Auch viele asiatische Länder verzeichnen Werte von über 80 Prozent. In Lateinamerika haben hingegen nur rund 60 Prozent der Erwachsenen Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen, in Nordafrika oft weniger als die Hälfte. Ohne Grundlage für den Zahlungsverkehr bleibt jedoch meist auch der Weg zu Versicherungen versperrt.
Wie stark politische Entschlossenheit die finanzielle Teilhabe verändern kann, zeigt Indien eindrucksvoll mit dem im Jahr 2014 gestarteten Programm Pradhan Mantri Jan Dhan Yojana (PMJDY). Die Regierung führte gebührenfreie Konten ohne Mindesteinlage ein und eröffnete den Menschen damit auch einen einfachen Zugang zu staatlichen Versicherungen und Krediten. Innerhalb weniger Jahre entstanden mehr als 500 Millionen neue Konten, viele davon für Menschen, die erstmals überhaupt mit dem Finanzsystem in Berührung kamen.
Solche Maßnahmen stoßen eine Entwicklung an: „Immer mehr Menschen lernen den Umgang mit Finanzprodukten und bauen Schritt für Schritt eine Einkommenshistorie auf“, erläutert Aouad. „Digitale Angebote überbrücken zudem große Entfernungen und erreichen auch Menschen in abgelegenen Regionen“. So wachse mit der Zeit das Vertrauen in Finanzprodukte – und damit die Bereitschaft, eine Versicherung abzuschließen.

Die neuen Bankkontoinhaber im Rahmen von PMJDY während der öffentlichen Informationskampagne in Bungtlang South, einem Dorf an der indisch-myanmarischen Grenze in Lawngtlai, Mizoram, am 14. November 2014
Ebenso wichtig wie der Zugang zu Finanzdienstleistungen sind Bildungsangebote, die finanzielle Zusammenhänge verständlich erklären. Die Sparkassen-Finanzgruppe unterstützt beispielsweise über Stiftungen lokale Finanzinstitute in Lateinamerika dabei, sich zu professionalisieren, ermöglicht Finanzdienstleistungen für kleine und mittlere Unternehmen und bietet finanzielle Bildungsprogramme für die Bevölkerung an. Dr. Vilmondes erläutert: „Menschen in Lateinamerika können erst fundierte finanzielle Entscheidungen treffen und ihr Geld sinnvoll verwalten, wenn sie über ein gewisses Basiswissen rund um das Thema Finanzen verfügen.“
Regionalprojekt der Deutschen Sparkassenstiftung für internationale Kooperation: Verbesserung des nachhaltigen Zugangs zu Finanzdienstleistungen durch die Stärkung von Bildungs- und Verbandsstrukturen in Mittel- und Südamerika. Mit der Broschüre „Yo y mis finanzas“ („Ich und mein Geld“) lernen Kleinstunternehmerinnen in Lateinamerika und der Karibik den richtigen Umgang mit Geld.
Regionalprojekt der Deutschen Sparkassenstiftung für internationale Kooperation: Verbesserung des nachhaltigen Zugangs zu Finanzdienstleistungen durch die Stärkung von Bildungs- und Verbandsstrukturen in Mittel- und Südamerika. Mit der Broschüre „Yo y mis finanzas“ („Ich und mein Geld“) lernen Kleinstunternehmerinnen in Lateinamerika und der Karibik den richtigen Umgang mit Geld.
Je besser Menschen Risiken, Wahrscheinlichkeiten und die eigene finanzielle Belastbarkeit einschätzen können, umso eher erkennen sie auch den Wert von Versicherungen. „Auch die Versicherer vor Ort haben die Aufgabe, viel grundsätzliche Aufklärungsarbeit zu leisten“, betont Dr. Vilmondes. Denn solange Versicherungspolicen kompliziert wirken, schrecken sie viele Menschen ab. Erklären Versicherer ihre Produkte hingegen klar und lebensnah, entsteht Vertrauen und die Abschlussbereitschaft nimmt zu.
Dr. Mariana Vilmondes, designierte Marktleiterin für Lateinamerika bei der Deutschen Rück


Vertrauen in Banken und Versicherungen entsteht nicht allein durch Menschen, sondern auch durch verlässliche Regulierungsinstanzen. In Ländern, in denen Aufsicht und Politik Transparenz schaffen und Verlässlichkeit signalisieren, wächst das Geschäft.
Ein Beispiel dafür liefert Marokko: Hier hat die Regulierungsbehörde ACAPS eine digitale Plattform für das Schadensmanagement eingeführt. Sie stellt den Kontakt zu Versicherern her, beschleunigt die Bearbeitung von Ansprüchen und ermöglicht Versicherten, den Status ihrer Anträge jederzeit nachzuverfolgen. „Das sendet eine zentrale Botschaft: Versicherung funktioniert hier“, erklärt Beauregard. „Dadurch gewinnen auch Menschen, die bisher wenig Erfahrung mit formeller Absicherung hatten, Vertrauen in das System.“
Tarik Aouad, Bereichsleiter der International Growth Markets Division bei der Deutschen Rück
Auch wenn sich Regionen unterschiedlich schnell entwickeln, sie alle zeigen: Mit finanzieller Teilhabe steigt auch der Wunsch nach Absicherung. „Versicherungen werden dann Teil des täglichen Lebens, wenn sie für Menschen leicht zugänglich, verständlich und verlässlich sind. Darin liegt die große Chance vieler internationaler Wachstumsmärkte“, resümiert Aouad. Das sei jedoch kein kurzfristiges Projekt, sondern eine Aufgabe für Jahre und Jahrzehnte.

Place Assarag in Taroudant, Marokko
Künstliche Intelligenz (KI) ist heute der zentrale Transformationstreiber in der Versicherungswirtschaft. Aber während aktuell etwa die Auswirkungen von KI auf die Kundenkommunikation, auf die Schadenbearbeitung oder den Vertrieb im Fokus stehen, ist ein Bereich des Versicherungsgeschäfts bisher eher nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit: die Auswirkungen von KI auf das Underwriting in der Sachversicherung.
Hier stellt sich für die Versicherer eine grundsätzliche Frage: Verändert der Einsatz von KI das versicherte Risiko – und wenn ja, wie stark? Gerade in der Industrie gibt es heute zahlreiche Einsatzgebiete für KI. Sie steuert Produktionsanlagen, optimiert Wartungsprozesse, überwacht Gebäude, erkennt Qualitätsmängel und trifft zunehmend eigenständige Entscheidungen in Unternehmen.
KI ist damit eine zentrale Technologie im Rahmen der vierten industriellen Revolution – hin auf dem Weg zur Smart Factory. Sie wirkt dabei als Verstärker für die Digitalisierungs-entwicklung in den Bereichen Big Data, Robotik und Internet of Things. Der massenhafte Einsatz von KI-gesteuerten Chips etwa in der Produktion macht deutlich, um welche Risikodimensionen es hier gehen kann, sollte etwa fehlerhafte KI für Betriebsunterbrechungen in großem Ausmaß sorgen.
Die Herausforderungen für die Underwriter: „KI ist kein Einzelrisiko, sondern eine Querschnittstechnologie“, sagt Daniel Hernandez, Senior Underwriter Fakultativ Sach und Spartenmanagement bei der Deutschen Rück. „Und die eigentliche Gefahr für die Versicherer ist dabei nicht die einzelne KI-Anwendung, sondern die unerkannte Aggregation innerhalb bestehender Deckungen.“
Das Risiko ist häufig eher unsichtbar, weil KI in Maschinen, Gebäuden, Steuerungen und Lieferketten eingebettet funktioniert. Die Folgen können dann aber höchst konkret sein, wenn der Schaden sich ganz traditionell und physisch etwa in Form von Produktionsstillstand, Fehlsteuerung oder Brandschäden manifestiert. Dabei ist die Ursache oft softwarebasiert, was dazu führen kann, dass die Abgrenzungen zwischen Sach, Cyber und Produkthaftung verschwimmen. Hinzu kommt eine erhebliche Kumul-Gefahr durch zum Teil global verbreitete gleiche KI-Modelle, gleiche Cloud-Infrastruktur und Softwarebibliotheken.
Daniel Hernandez, Senior Underwriter Fakultativ Sach und Spartenmanagement bei der Deutschen Rück
Die Frage ist, inwieweit für diese Risiken die bisherigen Policen greifen. Hier zeigen sich Parallelen zur Cyber-Versicherung und den Silent Cyber-Risks. Silent Risks sind nicht explizit modellierte oder vertraglich klar adressierte Risikoexponierungen innerhalb bestehender Versicherungsdeckungen, die durch technologische, regulatorische oder gesellschaftliche Veränderungen entstehen können. Und das Risiko Silent KI entsteht aktuell als neues, strukturelles Änderungsrisiko durch den zunehmenden KI-Einsatz bei den Kunden.
Bei Silent Cyber gab es teilweise Ausschlüsse von Cyber-Risiken in herkömmlichen Deckungen. Im US-Markt wird analog heute schon über „Silent KI“ diskutiert. KI-Deckungsausschlüsse gibt es bislang zumindest in Europa allerdings kaum. „Für die Erstversicherer kommt es nun darauf an, die strategische Relevanz von Silent KI zu erkennen und ihre Bestände auf mögliche KI-Risiken zu überprüfen“, so Hernandez.


Zwei Einsatzbereiche zeigen beispielhaft, wo die Risiken von eingebetteter KI in der Industrie für die Versicherer liegen können. Moderne Smart Buildings nutzen KI zur Steuerung von Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Sicherheitssystemen. Mithilfe von Sensordaten analysieren die Systeme Belegungsmuster, Energieverbräuche oder Klimadaten und treffen eigenständig Entscheidungen. Zutrittskontrollen werden durch Bilderkennung ergänzt, Sicherheitskameras analysieren Bewegungsmuster in Echtzeit.
Diese Systeme erhöhen Effizienz und Komfort erheblich. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten. Fehlerhafte Entscheidungen oder technische Fehlfunktionen können Auswirkungen auf Brandschutz, Gebäudesicherheit oder Betriebsabläufe haben – und damit zum Versicherungsrisiko werden
Ein anderes Beispiel ist die sogenannte Predictive Maintenance. Statt Maschinen nach festen Wartungsintervallen zu überprüfen, analysieren KI-Systeme kontinuierlich Sensordaten wie Vibrationen, Temperatur oder Stromaufnahme. Auf Basis historischer Daten berechnet die Software den optimalen Wartungszeitpunkt und prognostiziert die verbleibende Lebensdauer einzelner Komponenten.
Aber was passiert, wenn die Prognose fehlerhaft ist? Wer haftet, wenn ein Algorithmus einen kritischen Defekt übersieht? Und wie verändert sich die Schadenwahrscheinlichkeit, wenn Unternehmen ihre Wartungsstrategien vollständig auf KI-Modelle stützen? Solche Fragen lassen sich bislang nur schwer mit historischen Schadendaten beantworten.


Viele Erstversicherer prüfen momentan, welche Risiken durch den KI-Einsatz implizit in der bisherigen Deckung enthalten sind. Doch wie kann man die Risken quantifizieren? Gibt es konkrete, eindeutig identifizierbare Gefahrenquellen? Und kann das Risiko heute schon aktiv gemanagt werden? „Beim Umgang mit KI-Risiken im Underwriting steht die Versicherungswirtschaft erst am Anfang“, sagt Hernandez. Konkrete Handlungsempfehlungen gebe es noch nicht. Umso wichtiger sei es für die Versicherer, zunächst einmal Verständnis zu entwickeln für KI als eine Querschnittstechnologie, die Wirtschaft und Gesellschaft stark verändern wird.
Und es gehe auch darum, aktuelle Marktbewegungen beim Umgang mit dem KI-Risiko genau zu beobachten und für Transparenz bei der eigenen Risikoexponierung zu sorgen. Hernandez‘ ist überzeugt: „Die Branche wird die Herausforderungen durch KI annehmen und lernen, damit auch beim Underwriting umzugehen.“
Daniel Hernandez, Senior Underwriter Fakultativ Sach- und Spartenmanagement bei der Deutschen Rück

Gegründet im Jahr 1951 ist die Deutsche Rück heute einer der führenden Rückversicherer im deutschen Markt und weltweit in rund 80 Ländern eine gesuchte Adresse. Dabei war ihr Start als Rückversicherer der öffentlichen Versicherer im Nachkriegsdeutschland alles andere als leicht.
Die Geschichte der Deutschen Rück ist geprägt von Wachstum und Innovation, aber auch von Phasen der Neuorientierung. Vor allem in herausfordernden Zeiten hat sich gezeigt, wie wichtig eine stabile Eigentümerstruktur und ein gemeinsames Fundament sind. Das zeigte sich schon bei ihrer Gründung. Denn die Deutsche Rück entstand nicht aus einer Marktchance heraus, sondern weil es einen konkreten Bedarf gab.
Von 43 öffentlichen Versicherern hatten nur 24 den Zweiten Weltkrieg überlebt. Sie standen alle vor der gleichen Herausforderung: Allein waren sie zu klein, um ihre großen Feuer- und Naturkatastrophen-Risiken dauerhaft zu tragen. Denn der vor dem Krieg existierende überregionale Risikoausgleich war weggefallen und sie mussten sich neu organisieren. Die Antwort darauf war keine individuelle Lösung, sondern eine kollektive: eine eigene Rückversicherung, getragen von allen öffentlichen Versicherern. Am 22. August 1951 wurde in Bernkastel-Kues an der Mosel die „Deutsche Rückversicherung Aktiengesellschaft“ gegründet. Ihr Gründungsauftrag prägt sie bis heute.
Wo offiziell alles begann: Das Hotel zur Post in Bernkastel-Kues gibt es heute noch. Abbildung Postkarte Bernkastel-Kues, um 1910
Wo offiziell alles begann: Das Hotel zur Post in Bernkastel-Kues gibt es heute noch. Abbildung Postkarte Bernkastel-Kues, um 1910
Nach ihrer Gründung verlor die Deutsche Rück keine Zeit und nahm in Hamburg den Geschäftsbetrieb auf: zunächst als Untermieterin der Hamburger Feuerkasse in zwei Büroräumen mit gerade einmal fünf Beschäftigten. Später folgte der erste Umzug innerhalb Hamburgs in ein eigenes Bürogebäude an der Außenalster. Denn in den 1950er- und 60erJahren war die Deutsche Rück auf Wachstumskurs. Dabei wuchs sie nicht schneller als, sondern mit ihren Aktionären. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der Bauboom, die starke Stellung der öffentlichen Versicherer in ihrem Kerngeschäft, der Gebäudeversicherung – all das spiegelte sich direkt im Rückversicherungsgeschäft wider.


Eine der ersten großen Bewährungsproben für die öffentlichen Versicherer und damit auch für die Deutsche Rück war die Hamburger Sturmflut 1962. Die Öffentlichen Versicherer waren und sind bis heute in großen Teilen in Deutschland Marktführer in der Gebäudeversicherung. Der Umgang mit Naturgefahren wurde also schon früh Teil der DNA der Deutschen Rück.
Wie hoch das Elementarschaden-Risiko bei der Deutschen Rück war, zeigte die große Hamburger Sturmflut von 1962. Teile der Hansestadt standen damals unter Wasser. Über 300 Menschen starben.
Wie hoch das Elementarschaden-Risiko bei der Deutschen Rück war, zeigte die große Hamburger Sturmflut von 1962. Teile der Hansestadt standen damals unter Wasser. Über 300 Menschen starben.
Anfang der 70er Jahre belasteten hohe Schäden in Feuer und die kräftig ansteigende Inflation zunehmend die Bilanz der Deutschen Rück. Hinzu kam, dass die Ölkrise 1973 den Aufschwung stoppte und die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutschte. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung waren die Prämieneinnahmen der Deutschen Rück rückläufig.
Geschäft aus dem Ausland, so die Überlegung, versprach nicht nur einen besseren Risikoausgleich, sondern sollte auch das Wachstum beleben. Die Deutsche Rück machte den Schritt in den Londoner Markt. Der brachte zwar das Wachstum, aber vor allem auch sehr schadenträchtiges und verlustreiches Geschäft. Die Asbest- und die Haftpflichtkrise der späten 80er Jahre und die berüchtigte Rückversicherer-Spirale auf dem Londoner Markt taten ihr Übriges. Zu den Verlusten aus dem Auslandsgeschäft kamen Anfang der 1990erJahre mit der bis dato größten Sturmserie extreme Belastungen aus dem deutschen Geschäft. Das Ergebnis war die größte, aber auch die einzige, Krise in der Geschichte der Deutschen Rück.
Die Stürme DARIA, HERTHA, JUDITH, POLLY, VIVIAN und WIEBKE brachten der Gesellschaft die bis dahin größte Schadenbelastung ihrer Geschichte. Das Foto zeigt durch WIEBKE umgeworfene Bäume bei Sauerlach.
Die Stürme DARIA, HERTHA, JUDITH, POLLY, VIVIAN und WIEBKE brachten der Gesellschaft die bis dahin größte Schadenbelastung ihrer Geschichte. Das Foto zeigt durch WIEBKE umgeworfene Bäume bei Sauerlach.
Rückblickend zeigt sich: Die Internationalisierungsstrategie war richtig gedacht – aber nicht gut gemacht. Es fehlte an Erfahrung in diesen Märkten, die Partner waren teilweise problematisch, und man hatte Risiken übernommen, die man nicht vollständig überblicken konnte. Eine wichtige Lehre daraus sollte später zum Erfolg führen: Diversifikation funktioniert nur, wenn man die neuen Risiken auch wirklich verstehen und bewerten kann.
Das besondere für die Zukunft der Deutschen Rück war aber nicht die Krise selbst, sondern die Antwort darauf. Durch eine solidarische Sanierungsaktion aller öffentlichen Versicherer im Jahr 1993 wurde die Deutsche Rück gerettet und überwand ihre Krise. Der Betrieb der Deutschen Rück in UK wurde eingestellt und zog sich vollständig aus dem aktiven Auslandsgeschäft zurück.

Alle unter einem Dach, Illustration Gebäude Roßstraße 166
Die Krise wurde zum Wendepunkt – und zur Grundlage für die Deutsche Rück, wie man sie heute kennt. Sie musste sich neu aufstellen – strategisch und inhaltlich. 1989 war die Deutsche Rück von der Elbe an den Rhein gezogen. Denn Düsseldorf wurde zunehmend zum Zentrum überregionaler Aktivitäten der Öffentlichen. Hier bündelte sie mit den damals noch bestehenden beiden Verbänden der öffentlichen Versicherer ihre Kräfte und bildete eine Organ- und Verwaltungsgemeinschaft.
Parallel dazu veränderte sich der Markt grundlegend: Mit der Deregulierung des EU-Binnenmarktes Mitte der 90er Jahre entstand plötzlich ein intensiverer Wettbewerb unter den Erstversicherern. Die öffentlichen Versicherer mussten sich neu positionieren – und brauchten dafür mehr Unterstützung. Und genau hier konnte die Deutsche Rück ihre Rolle neu definieren: nicht mehr nur reiner Risikoträger zu sein, sondern echter Partner für die Öffentlichen Versicherer.
Die verheerende Wintersturmserie im Jahr 1990 rückte das Bedrohungspotenzial für die öffentlichen Versicherer noch einmal ins Bewusstsein. Ein zentraler Baustein der Neuausrichtung war entsprechend der Aufbau von Know-how – vor allem im Bereich Naturgefahrenmodellierung.
Anfang der 90er Jahre waren die Analysen von Elementarrisiken noch wenig präzise und räumlich nur grob differenziert. Mit ihrem neu gegründeten NatCat-Center begann die Deutsche Rück jedoch, Risiken für Sturm, Flut und Erdbeben, zunehmend systematischer und detaillierter auf regionaler Ebene zu analysieren und in der Risikobewertung zu verwenden – für die damalige Zeit Pionierarbeit.
Die Idee dahinter: Nicht nur Schäden zu bezahlen, sondern Risiken besser zu verstehen – und sie somit besser kalkulierbar und damit beherrschbarer zu machen. Heute ist dieses Know-how untrennbar mit der Marke „Deutsche Rück“ in Deutschland verbunden.

Mit ihrer Sturmdokumentation dokumentiert die Deutsche Rück seit 1997 ihre besondere Naturgefahren-Expertise. Darin beschreiben und analysieren die Naturgefahren-Expertinnen und -Experten das Witterungsgeschehen in Deutschland und liefern wichtige Hintergrundinformationen, um die Ereignisse meteorologisch und schadenseitig einordnen und die richtigen Schlussfolgerungen zum aktuellen und künftigen Naturgefahrengeschehen ziehen zu können.
Auf dieser Grundlage erfolgte der erneute, behutsame Schritt ins Auslandsgeschäft. Im Jahr 2000 gründete die Deutsche Rück in Zürich ihre Tochtergesellschaft DR Swiss. Damit war der erste kleine Schritt für die Expansion getan. Zwei wichtigen strategischen Leitsätzen ist die Deutsche Rück seither treu: nur solche Risiken zu zeichnen, die sie gut verstehen und bewerten kann und das Risikokapital für die Expansion aus eigener Kraft zu erwirtschaften.
Das Headquarter der DR Swiss in der Schweizergasse in Zürich
Das Headquarter der DR Swiss in der Schweizergasse in Zürich
Den nächsten Schritt machte die Deutsche Rück 2005 in vertrautem Gelände. Sie erweiterte ihre Marktpräsenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
2009 folgten die Märkte in Mittel- und Osteuropa. Die Deutsche Rück agiert hier als Folgerückversicherer in ihrem Kerngeschäft Property & Casualty.
Darüber hinaus hat sie in den vergangenen fünf Jahren ihre Präsenz in den dynamisch wachsenden Märkten des Nahen Ostens, Asiens und Lateinamerikas erfolgreich ausgebaut. Auch im Lebensbereich zeichnet die Deutsche Rück seit dem 2024 erfolgreich Geschäft in der Region Middle East/Nordafrika.




Im Jahr ihres Jubiläums ist die Deutsche Rück in rund 80 Ländern der Welt unterwegs. Ihre Historie macht deutlich, wofür sie heute und auch in Zukunft steht: Sie ist ein mittelständisches Unternehmen, das es geschafft hat, Tradition mit Moderne zu verknüpfen, das einen partnerschaftlichen Umgang mit ihren Kunden auf Augenhöhe pflegt, das bewusst langfristige Partnerschaften sucht und das auf diszipliniertes Underwriting, aktive Risikosteuerung und klare Portfoliosteuerung setzt – unabhängig vom Kapitalmarkt und mit den öffentlichen Versicherern als verlässliche und stabile Eigentümer.

In 75 Jahren hat die Deutsche Rück einen weiten Weg zurückgelegt – von einer Untermieterin bei der Hamburger Feuerkasse mit fünf Mitarbeitenden hin zu einem im Markt anerkannten und verlässlichen Rückversicherer. Am neuen Standort in Düsseldorf schreiben heute rund 280 Mitarbeitende die Erfolgsgeschichte fort – auf einem starken Fundament und mit klarem Blick nach vorn.

In 75 Jahren hat die Deutsche Rück einen weiten Weg zurückgelegt – von einer Untermieterin bei der Hamburger Feuerkasse mit fünf Mitarbeitenden hin zu einem im Markt anerkannten und verlässlichen Rückversicherer. Am neuen Standort in Düsseldorf schreiben heute rund 280 Mitarbeitende die Erfolgsgeschichte fort – auf einem starken Fundament und mit klarem Blick nach vorn.

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Hamburger Feuerkasse
Veröffentlicht im September 2026
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